Aus Kriechbaumers Bruchbude in die Rupp-Arena

Geschichte des Christoph-Scheiner-Gymnasiums erzählt viel über Raumnot und grenzenlose Freundschaft

Ingolstadt (DK) Am Anfang kamen die Schüler hier in tristen Verhältnissen „realistischer Bildung“ näher. Doch die Gewerbeschule wuchs, blühte und gedieh in erstaunlicher Vitalität. Ein Anlass für das Christoph-Scheiner-Gymnasium, die mittlerweile 150-jährige Geschichte opulent und selbstbewusst zu feiern.

Eine der denkwürdigsten Phasen in der Geschichte des Scheiner-Gymnasiums begann eher banal. Anfang 1988 ersann der Russischlehrer Rolf-Dieter Pohl eine neue Variante, um die Schüler bei Hausaufgaben zu erheitern. „Schreibt’s doch mal einen Brief an den Michail Gorbatschow!“ Das Gymnasium zählte damals, im Kalten Krieg, zu den wenigen im Westen, wo die Sprache des Feindes gelehrt wurde, doch die Scheiner-Schüler erledigten den Auftrag offenbar derart völkerverständigend, dass Unerwartetes eintrat: Gorbatschow antwortete.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets ließ das Scheiner schön grüßen und fädelte den Kontakt mit der Moskauer Schule Nummer 13 ein – die erste bayerisch-sowjetische Schulpartnerschaft und zugleich der Beginn einer vorbildlichen Freundschaft.

Hang zum Slawischen

Gorbatschow ist inzwischen Grandseigneur in der Austragsstube der Weltgeschichte und Pohl Schulleiter in Kaufbeuren. Der Hang des Scheiner-Gymnasiums zum Slawischen prägt bis heute das Profil der Schule. Es ist das einzige Gymnasium, das Russisch als Abiturfach bietet und mittlerweile mit zwei Moskauer Schulen (das Gymnasium mit der Nummer 1513 kam später hinzu) einen regen Austausch pflegt. Diese Partnerschaft mündete 1990/91 im Freundschaftsvertrag der Stadt Ingolstadt mit dem Moskauer Zentralbezirk; eine Beziehung, die bis in die Gegenwart fruchtbare Begegnungen zeitigte.

Anbahnung und Pflege grenzenloser Freundschaften zählen viel mehr noch als das naturwissenschaftliche Profil zu den Charakteristika der Schule. Ebenso der ständige Platzbedarf. Die Geschichte des Scheiner-Gymnasiums ist nicht zuletzt die Geschichte fortgesetzten Wachstums. Deswegen erzählt die Schulhistorie auch viel von beengten Direktoren, die um Expansion rangen.

Die Einweihung von Anbauten beansprucht in der Chronik des Scheiner viel Raum, mancher Schulleiter setzte sich mit einem Bauprojekt ein Denkmal. Das bislang letzte Beispiel ist die (inoffiziell so genannte) Rupp-Arena als ironische, aber freundliche Hommage an Oberstudiendirektor Rainer Rupp, dessen Amtszeit von 1984 bis 2004 im kollektiven Gedächtnis der geschichtsbewussten Schule längst als eigene Epoche gilt.

Um so bescheidener, kärglich geradezu, gestaltete sich der Start im 19. Jahrhundert. Das, was einmal zum Scheiner-Gymnasium avancieren sollte, begann weit unten, mit niederem Renommee, im Schatten oder besser: zu Füßen des Humanistischen Gymnasiums, in einer Bruchbude.

Am Anfang war eine Qualifizierungsoffensive der Münchner Regierung: Die 1833 erlassene Verordnung, dass in allen Städten des Königreichs Landwirtschafts- und Gewerbeschulen aufgebaut werden müssen. Auf diesem Wege sollten bildungsferne Schichten mit den Chancen und Fährnissen der Ökonomie vertraut gemacht werden. Zudem zielte die Initiative auf die Förderung technischer Berufe. Die „realistische“, also an den realen Dingen des Lebens orientierte Bildung etablierte sich Schritt für Schritt als Gegengewicht zur humanistischen, höheren Bildung samt dem penetranten Faible für das Antik-Mythologische. Aber bis die neuen Real-Schüler den Freunden der alten Griechen selbstbewusst begegnen konnten, mussten sie einen weiten Bildungsweg absolvieren.

Der Ingolstädter Bürgermeister Matthias Doll hatte die Regierung in München so lange mit Anträgen traktiert, bis 1857 endlich die Genehmigung kam. Am 27. Oktober 1858 nahm die „Niedere Gewerbsschul“ mit 34 Schülern den Betrieb auf. Im zweiten Stock der Hohen Schule, wo damals nichts mehr vom akademischen Glanz der alten Tage kündete.

Karge Verhältnisse

Gründungsdirektor Joseph Kriechbaumer klagte herzzerreißend über die kargen Verhältnisse. Es gab nur zwei kleine Klassenzimmer, die Dienstwohnung des Chefs lag auf der selben Etage und war lediglich durch die Küche zu erreichen. Bei nächster Gelegenheit, nur einen Monat nach der Eröffnung, floh Kriechbaumer aus Ingolstadt und rettete sich auf eine Planstelle mit etwas herrschaftlicherem Ambiente.

Die Gewerbeschüler blieben in ihrem tristen Lernumfeld zurück. Adam Härdl, der die Historie der Schule gründlich erforscht und in den Ingolstädter Heimatblättern erzählt hat, kennt aufschlussreiche Quellen. Er berichtet von einem engagierten Lehrer namens Thomas Gschwendtner, der Zeichnen, Modellieren und Werken unterrichtete. Er ließ auf eigene Kosten ein Gaslicht installieren, um Stunden geben zu können, wann immer es für seine Schüler am günstigsten war. Die nötigen 155 Gulden beglich er zwei Jahre lang in Raten, der Sachaufwandsträger, die Stadt, hatte dafür kein Geld.

Ein königlicher Ministerialrat soll entsetzt zurück nach München gereist sein, nachdem er 1868 die Situation in der ehemaligen Hohen Schule zu Ingolstadt kennen gelernt hatte: Die Wände schwarz vom Rauch der Öfen, Mörtel fiel ab, im Erdgeschoss parkten Leichenwagen – was für Zustände!

Doch die amtliche Empörung nutzte den Schülern zunächst nichts. Dafür half ihnen – wenn auch unbemerkt – die Kraft der Geschichte. Die Industrialisierung kam stärker auf Touren und erreichte langsam Bayern. Dieser Prozess steigerte den Bedarf an Fachkräften für Handel und Technik. Der Staat förderte deshalb stärker Gewerbe- und so genannte Industrieschulen. Alles, was die Kommerzienkunde vorantrieb oder auf den Besuch Technischer Hochschulen vorbereitete, erfuhr die gesteigerte Zuwendung der Regierung. So begann sie, die Geschichte der Realschule modernen Typs.

Killermann expandiert

Die Umwandlung der Ingolstädter Gewerbeschule in eine sechsklassige Realschule kam 1877 zustande. Fortan ging es aufwärts. Anfang des 20. Jahrhunderts konkurrierte die Realschule gar mit dem Progymnasium (heute Reuchlin-Gymnasium), zumindest was die Zahl der Zöglinge betraf. Die Lehranstalten entwickelten damals ein Prestigeduell, wie es heute alle Ingolstädter Oberschulen untereinander pflegen.

Dem legendären Direktor Anton Killermann gelang 1911 ein Quantensprung der Expansion: der Neubau auf dem Gelände des Kavaliers Münzberg. 1912 wurde das prachtvolle Gebäude eingeweiht. 324 Jugendliche besuchten damals die Realschule, die 1913 in Verehrung für den letzten König Bayerns Ludwigs-Realschule genannte wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Beförderung zur Oberrealschule; jetzt konnte man Abitur machen. Die erste Absolvia wurde 1924 entlassen.

Die Nationalsozialisten prügelten auch in Ingolstadt ihr Prinzip durch, die gymnasiale Bildung zu schwächen, wo sie nur konnten: die neunte Klasse wurde abgeschafft, der Wirtschaftszweig fiel weg. 1941 erschienen im Jahresbericht die ersten Namen gefallener Schüler. Über 200 Schüler und Lehrer des späteren Scheiner-Gymnasiums kamen während des Zweiten Weltkriegs ums Leben.

Nach dem Zusammenbruch zählte die Oberrealschule 872 Schüler, davon 60 Kriegsheimkehrer in drei Sonderkursen. 1949 durften die ersten Mädchen übertreten, 1950 wurde die neunte Jahrgangsstufe wieder eingeführt. Es ging rasch aufwärts – bis das Zeitalter der Erweiterungen anbrach. Der erste Anbau wurde 1956 fällig. Er heißt heute Zwischenbau, weil sich bald weitere anschlossen. 1960 kam schließlich Christoph Scheiner ins Spiel, der der Realschule den Namen gab. 1965 zog die einstige Gewerbeschule endgültig mit den Humanisten gleich: Sie durfte sich Gymnasium nennen.

In welch inniges Verhältnis Raumbedarf und Geschichtsbewusstsein am Scheiner geraten können, belegt eine wahre Begebenheit, die Rainer Rupp vor kurzem preisgegeben hat: Als frisch ernannter Direktor marschierte er 1984 zum Oberbürgermeister, um zu sagen, was Scheiner-Chefs gemeinhin immer zu Ingolstädter Oberbürgermeistern sagen: „Mehr Platz!“ – „Das ist derzeit eher schlecht“, soll Peter Schnell geantwortet haben, keine Zuschüsse und so. Da kam dem OB ein alter Trick in den Sinn: „Habt’s Ihr in nächster Zeit ein Jubiläum?“ Rupp musste verneinen. Daheim ereilte ihn ein Geistesblitz: Wurde nicht der Altbau 1912 eingeweiht? Also bald vor 75 Jahren? Wenn das kein Grund zum Feiern war!

Und plötzlich ging alles ganz schnell: 1985 startete die Aufstockung des Zwischengebäudes, 1987 feierte das Scheiner sehr opulent „75 Jahre Schule am Hartmannplatz“, 1989 war der Anbau fertig.

Die Einweihung des Hauptgebäudes jährt sich 2012 übrigens zum 100. Mal. Es würde sehr überraschen, wenn sich das Scheiner diesen Anlass für ein großes Fest entgehen ließe.

Von Christian Silvester