Er stellt sich

Winfried Werthner war immer für andere da – doch das Schicksal traf ihn hart

Ingolstadt (DK) In seinem grünen Paradies am Mühlbach blüht Winfried „Winni“ Werthner auf. Er sitzt gemütlich auf seinem Gartenstuhl, blickt auf die üppig wuchernden Ringelblumen, stopft sich die Pfeife, schmaucht kurz und zeigt dann auf eine kleine Meise, die im Vogelhäuschen Sonnenblumenkerne aufpickt. "Die da klopft immer", sagt Werthner und lächelt leise.

Solche Mußestunden sind rar für den 66-Jährigen. Denn Zeit seines Lebens hat Werther hart gearbeitet und war darüber hinaus immer für andere da. Es heißt nicht umsonst in der Schanz: „Nicht verzagen, Winni fragen.“ Zurzeit springt er wieder mal ein als Platzwart für den Jugendzeltlagerplatz am Baggersee. Nicht, weil er es muss, sondern weil es ihm einfach Freude bereitet.

So war es nur recht und billig, dass Werthner jetzt der Ehrenamtspreis des Bayerischen Landessportverbands verliehen wurde für mehr als 40 Jahre Engagement beim MTV Ingolstadt. 1972 trat der gebürtige Schanzer dem Verein bei – im Sog der Olympischen Spiele in München. „Damals gab es einen richtigen Boom, und Volleyball ist aufgelebt, weil so viel im Fernsehen übertragen wurde.“ Es gab aber noch einen heimlichen Grund für Werthners Begeisterung: „Ich war damals bei der Bundeswehr und hab’ mich immer blöd angestellt beim Dienstsport. Es gab ja beim Bund damals nur Volleyball.“

Bald packte ihn die große Leidenschaft, und innerhalb kurzer Zeit wurde Werthner nicht nur Abteilungsleiter beim MTV, sondern auch Bataillonstrainer. Als 1976 im Schäffbräukeller zu Ingolstadt der Bayerische Volleyballverband gegründet wurde, war Winni natürlich mit von der Partie. Was ihn ärgert, sind die schlechten Trainingsbedingungen für die Volleyballer in Ingolstadt. „Da sind wir bis heute am kämpfen.“

Über den Sport stieß Werthner zum Stadtjugendring, wo er im Vorstand zuletzt den Senior gab. An das zähe Ringen um den Jugendzeltlagerplatz kann er sich noch gut erinnern. „Die Suche nach einem Standort zog sich über Jahre hin.“ Am Baggersee klappte es dann endlich.

Es ist Werthners Verdienst, dass ebenfalls am Baggersee eine der landesweit schönsten Beachvolleyball-Anlagen entstand. Das erste Turnier dieser Art fand seinerzeit im Westpark statt, Werthner kaufte danach den Sand und karrte ihn an den See. Später wurden die Wettkämpfe auf dem Paradeplatz ausgetragen – mit Winnis tatkräftiger Unterstützung.

Als leidenschaftlicher Schwimmer war der Ingolstädter auch seit 1962 Mitglied der Wasserwacht und zudem aktiver Boxer. Kaum zu glauben – aber zur Arbeit gehen muste Werthner „nebenher“ auch noch. Nach einer Lehre als Werkzeugmacher bei der Firma Stabil in Ebenhausen-Werk ging er zu Audi. „Die haben schon damals am besten gezahlt: 3,79 Mark Stundenlohn.“ 1968 wurde der junge Mann eingezogen, obwohl er bereits verheiratet war. Nach der Grundausbildung verpflichtete sich Werthner und kam nach Oberstimm.

Viele Ingolstädter kennen den Winni allerdings aus seiner Zeit als Hausmeister am Scheiner-Gymnasium. „Das war mein Leben – kein Beruf, sondern meine Berufung. Wenn da nicht diese Schicksalsschläge gewesen wären, würd’ ich das vielleicht noch heute machen.“ Werthner und seine Frau haben nicht nur ihren Sohn, sondern heuer im März auch ihre Tochter verloren. Die beiden tragischen Todesfälle haben eine unbändige Wut hinterlassen, die der Vater nur mühsam unterdrücken kann. „Da tust du und tust du und bist immer für andere da – und dann das. Da findest du keine Erklärung.“ Was macht ein Mann wie Werthner, wenn es ihn fast erdrückt? Er arbeitet. Das Haus in Unterhaunstadt und der wunderschöne Garten sind sein ganzer Stolz. Und er klammert sich an die vielen schönen Erinnerungen an seine Kinder.

Und die an seine eigene Kindheit. „Das war eine wunderbare Zeit“, meint Werthner und erzählt vom Fußballspiel auf der „Polenwiese“ vor der Friedenskaserne, vom Baden im Forsterweiher und von den legendären Motorradrennen auf dem Donauring mit Hape Müller. Damals mussten die Kinder ihr Taschengeld selbst verdienen: „Meine Mutter hat damals im Feldmannhaus gearbeitet, und ich war Liftboy. Ich trug’ eine Uniform mit 36 goldenen Knöpfen und hab’ immer viel Trinkgeld bekommen. Im fünften Stock war eine Diskothek, im sechsten ein Café.“

Hinter den tiefen Trauerfurchen im Gesicht glaubt man, in diesen Momenten wieder den zehnjährigen Buben zu erkennen. Im Herzen ist Winni Werthner jung geblieben, weil er immer für junge Menschen da war – ob in der Schule oder beim Sport. „Denn das baut einen wirklich auf.“

Von Suzanne Schattenhofer