“... in der Liebe kalt sein”

Scheiner-Schüler lernen Ingolstadts bedeutende Schriftstellerin kennen

Ingolstadt (sic) Sie hatte ein ausführliches Redemanuskript über Leben und Werk der Marieluise Fleißer dabei, aber das legte Shaimaa Ahmed El-Saghir schon nach wenigen Minuten zur Seite und ließ ihrer Begeisterung in freier Rede ungehemmten Lauf. Die Schüler des Leistungskurses Deutsch (K 12) des Christoph-Scheiner-Gymnasiums erlebten am Freitag den beeindruckenden Auftritt einer Enthusiastin für deutsche und bayerische Literatur. Eine junge Ägypterin erklärt den Ingolstädtern ihre Fleißer.

Die Gymnasiasten haben bisher tatsächlich noch nicht viel von ihr gehört. „Um so besser für mich!”, rief da die Gaststudentin aus Südägypten - und stürmte sogleich zum Thema. „Christa Wolf hat gesagt, Fleißer sei Deutschlands Shakespeare - und da hat sie völlig Recht!”

Sie erzählte, welche Ausnahmeerscheinung Fleißer darstellt. Jenes hochbegabte Mädchen, das als Kind ins Theater drängte, auf das Gymnasium und sogar an die Universität durfte - für Frauen damals ein nahezu revolutionärer Werdegang.

Bei den Englischen Fräulein in Regensburg ertrug die Ingolstädterin die geballte Macht einer klerikalkonservativen Welt. Die Erfahrung von Verboten und geistiger Enge verarbeitete Marieluise Fleißer in ihren Werken sehr authentisch, erklärte Shaimaa Ahmed El-Saghir. Sie legte dar, wie groß der Einfluss des bedeutenden Lion Feuchtwanger auf Fleißer war: „Nach dieser Begegnung hat sie erst einmal alles verbrannt, was sie bisher geschrieben hatte.” Hier kommt Bertolt Brecht ins Spiel. Fleißer zählte kurze Zeit zum Heer seiner Musen. Die Studentin schilderte, wie Brecht 1929 in Berlin die „Pioniere” so provokant inszenierte, dass es einen kalkulierten Skandal gab - natürlich auf Kosten der Autorin. „Sie war naiv.”

Dazu durchaus passend lasen vier Schüler auf Anregung des Lehrers Kurt Finkenzeller eine Szene aus diesem Stück. „In der Liebe muss ein Mann kalt sein”, spricht da der Fabian.

Shaimaa Ahmed El-Saghir vernahm es dennoch mit Freude: Vier echte Ingolstädter rezitieren ihre Lieblingsautorin in originalem Fleißer-Bayerisch. Man sah der jungen Ägypterin an, dass sie in diesem Moment jede einzelne Silbe genoss.